Kameramann Wolf Suschitzky 104-jährig gestorben

Geboren wurde Wolfgang Suschitzky am 29. August 1912 in eine berühmte jüdische Familie: Sein Vater Wilhelm und sein Onkel Philipp Suschitzky hatten 1901 Wiens erste sozialistische Buchhandlung gegründet und später den auf sozialkritische Literatur spezialisierten „Anzengruber Verlag Brüder Suschitzky“, der bis 1934 aufklärerische Schriften von Rosa Mayreder, Hugo Bettauer, David Josef Bach und dem Arbeiterdichter Alfons Petzold herausbrachte. Somit war Wolf Suschitzky das soziale Engagement, zu dem er sich stets bekannte, in die Wiege gelegt. An der frühen britischen Dokumentarfilmbewegung schätzte er besonders, „dass sie es sich zum Ziel gesetzt hatte, Filme zum Wohl der Gesellschaft zu drehen“, sagte er einmal.
Suschitzkys erstes berufliches Interesse galt den Tieren, ein Zoologiestudium scheiterte allerdings an mangelnden Lateinkenntnissen. Angeregt von seiner um vier Jahre älteren Schwester Edith Tudor-Hart, die die Fotografieklasse am Dessauer Bauhaus besucht hatte und ebenfalls eine wichtige Fotografin wurde, absolvierte er eine Fotoausbildung an der Höheren Graphischen Lehr-und Versuchsanstalt in Wien.
1934 verließ er dann mit seiner späteren Frau Österreich und folgte seiner Schwester nach London. Suschitzkys Vater hatte sich das Leben genommen, nachdem man seine Buchhandlung ruiniert hatte. Sein Onkel und dessen Frau wurden später nach Auschwitz deportiert, seine Mutter überlebte im Ausland.
Zunächst machte sich Suschitzky in London einen Namen als Fotoreporter, unter anderem mit eindringlichen Aufnahmen der Bergarbeitergebiete von Wales, die er zusammen mit seiner Schwester ablichtete. Seiner legendären Fotoserie der Charing Cross Road, in der sich fast alle Buchhandlungen Londons konzentrierten, verdankte er schließlich 1937 ein Engagement als Kameraassistent bei Paul Rotha, einem der Gründerväter des britischen Dokumentarfilms. Nach einer kriegsbedingten Arbeitspause im Filmbereich, in der er sich wieder der Fotografie widmete, stand er für Rothas „No Resting Place“ 1950 erstmals für einen Spielfilm hinter der Kamera.
Wolf Suschitzky blickte als Kameramann und Spezialist für improvisierte Drehs „on location“ auf ein Werk von rund 200 Kino-, Dokumentar- und Fernsehfilmen zurück, u.a. für den Sender NBC. Diese führten ihn um die ganze Welt. Zu seinen bekanntesten Filmen zählen etwa der Gangsterklassiker „Get Carter“ (1971) mit Michael Caine, der Oscar-prämierte Kurzfilm „The Bespoke Overcoat“ (1956) und die für einen Oscar nominierte Kurzdoku „Snow“ (1963) sowie die Joyce-Verfilmung „Ulysses“ (1967), die ihm den Britischen Academy Award einbrachte.
Parallel dazu ist sein über 10.000 Bilder umfassendes fotografisches Oeuvre entstanden, das weltweit in renommierten Galerien und Museen vertreten ist. Sein vielseitiges Schaffen umfasst neben den ersten Tierporträts, die jemals gemacht wurden, Aufnahmen prominenter Künstler oder Politiker, Kinderbilder oder Einblicke in die Arbeitswelt und fremde Kulturen.
Die Suschitzky-Tradition hinter der Kamera setzen die Nachkommen von Wolf vor. Sohn Peter ist den beruflichen Fußstapfen seines Vaters gefolgt und arbeitet etwa regelmäßig mit Regisseur David Cronenberg – zuletzt bei „Eine dunkle Begierde“ – zusammen. Auch Enkel Adam ist als Fernsehkameramann tätig. Und auch Suschitzkys zweiter Sohn Misha Donat hat einen Bezug zum Film, wird die Musik des Komponisten doch immer wieder für Dokumentationen herangezogen.
Zuletzt würdigte die Viennale den Kameramann im Jahr 2012 anlässlich seines 100. Geburtstags mit einem Filmabend, bei dem Suschitzky selbst anwesend war. Fünf Jahre zuvor hatte ihm auch das Filmfestival Diagonale ein Tribute gewidmet.
„Wolf Suschitzky, unser liebenswerter Freund, hat seine Augen – die stets wach waren für alles, was ihn umgab – für immer geschlossen“, heißt es in einer Aussendung der Film- und Medien-Gesellschaft Synema. Gemeinsam habe man in den vergangenen zehn Jahren drei Bücher zu seinem fotografischen und filmischen Werk publiziert und gemeinsam mit der Exilbibliothek und dem Kulturforum in London zwei große Einzelausstellungen realisiert. Ihr Dank gelte „für Dein politisches Engagement, Deine Teilnahme am aktuellen Zeitgeschehen, Deine Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse anderer und gegenüber sozialer Ungerechtigkeit, Dein stetes Interesse an Neuerungen und Fortschritt, Deine Aufgeschlossenheit und offene Art, Deinen feinen Humor, Dein einnehmendes Wesen“, so Brigitte Mayr und Michael Omasta von Synema.
